Pressekonferenz der Bergischen AGFW am 14.01.25
„Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Freien Wohlfahrtspflege im Bergischen Städtedreieck – Vorstellung der Studie der Bergischen Universität“
Link zur Studie der Bergischen Universität:
Freie Wohlfahrtspflege im Bergischen Land: Studie zeigt sozialen und wirtschaftlichen
Mehrwert
Welchen gesellschaftlichen Mehrwert hat die Freie Wohlfahrtspflege im Bergischen Land? Dieser Frage gingen Wissenschaftler*innen des Wuppertaler Instituts für Unternehmensforschung und Organisationspsychologie (WIFOP) im Rahmen eines Forschungsprojekts nach.
In seinem Projekt analysierte das Forschungsteam der Uni die volkswirtschaftliche und soziale Bedeutung der Freien Wohlfahrtspflege im Bergischen Städtedreieck. Unterstützung erhielten sie dabei von der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (AGFW). Frank Gottsmann, Sprecher der Bergischen Wohlfahrtspflege, hebt die Bedeutung der darunter gefassten Organisationen (siehe Infokasten) für die Region hervor: „Die Bergische Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (kurz AGFW) ist ein fester, gewachsener Bestandteil im Bergischen Land. Bereits seit mehr als 100 Jahren sind wir in der Unterstützung der Menschen im sozialen Leben und in der sozialen Teilhabe tätig. Gewachsen aus der Ehrenamtlichkeit leisten wir den Menschen Unterstützung und Hilfe. Dieser Mehrwert in der Gesellschaft bedeutet auch eine Investition in die Menschen im Bergischen Land. Und als Wohlfahrtspflege ist es uns wichtig, uns als Vertreter der sozialen Anliegen zu zeigen und uns dafür einzusetzen.“
Die Studie hatte das Ziel, den gesellschaftlichen Mehrwert der Freien Wohlfahrtspflege im Bergischen Städtedreieck durch eine Analyse ihrer wirtschaftlichen und sozialen Effekte messbar zu machen. Mithilfe von Befragungen, Interviews und Datenanalysen wurde untersucht, wie die Wohlfahrtspflege als Arbeitgeber und Dienstleister zur regionalen Wirtschaft und Gesellschaft beiträgt. Dr. Thorsten Böth, Geschäftsführer der DRK Kreisverbände Wuppertal und Solingen, betont: „Die Ergebnisse der Studie unterstreichen die zentrale Bedeutung unserer sozialen Dienstleistungen für die Bevölkerung, aber auch für die regionale Wirtschaft. Mit unserer Arbeit sind wir ein Jobmotor und ein wesentlicher Faktor, der zur sozialen Stabilität und wirtschaftlichen Weiterentwicklung im Bergischen Städtedreieck maßgeblich beiträgt.“
Die AGFW gehört im Bereich der „Sozialen Dienstleistungen“ zu den größten Arbeitgebern der Region. Über 88 % der Beschäftigten in sozialen Einrichtungen in Wuppertal und knapp 57 % in Solingen arbeiten laut der Studie in der Freien Wohlfahrtspflege. Mit Gehältern und Sozialabgaben von rund 388 Millionen Euro in Wuppertal und 190 Millionen Euro in Solingen trägt die AGFW erheblich zur regionalen Wirtschaft bei. Diese Ausgaben wirken sich volkswirtschaftlich doppelt positiv aus: Sie fließen direkt als Einkommen an die Beschäftigten und indirekt über Steuern und Sozialversicherungsbeiträge zurück in den regionalen Wirtschaftskreislauf des Bergischen Städtedreiecks. Ein wesentlicher Teil des Einkommens der Arbeitnehmer fließt zudem in Form von Konsumausgaben in die Region zurück, da die Mehrheit der Beschäftigten aus der Region selbst sowie aus angrenzenden Gemeinden stammt.
Um den gesellschaftlichen Mehrwert der sozialen Leistungen der Freien Wohlfahrtspflege messbar zu machen, wurden in der Studie exemplarisch Kindertagesstätten untersucht. „Dieses Beispiel verdeutlicht, wie die in der Studie dargestellte Wirkungsmessung helfen kann, über eine rein kostenorientierte Betrachtung hinauszugehen“, betont Markus Doumet vom WIFOP. Projektmitarbeiter Marc Herbrand hebt zusätzlich hervor, „dass Kindertagesstätten nicht nur Kindern durch frühkindliche Bildungsangebote zugutekommen, sondern auch Eltern ermöglichen, eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen.“ Langfristig entstehen gesellschaftliche Vorteile durch bessere Bildungs- und Einkommenschancen sowie höhere Einkommen.
Besonders die Kombination aus Einkommens- und Bildungseffekten unterstreicht den gesellschaftlichen Mehrwert: Laut Analyse generiert jeder investierte Euro in Kindertagesstätten im Bergischen Städtedreieck einen Nutzen von 4,60 bis 6,60 Euro, der weit über die reinen Betriebskosten hinausgeht.
Professor Betzer sieht durch die Studie die Hypothese bestätigt, dass „Wohlfahrtsleistungen weit über ihre direkten Kosten hinaus einen erheblichen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Mehrwert erzeugen.“ Investitionen in soziale Dienste wie frühkindliche Bildung, Integrationsmaßnahmen oder die Unterstützung benachteiligter Gruppen tragen langfristig zur wirtschaftlichen Stabilität und sozialen Entwicklung einer Region bei. Sie stärken den sozialen Zusammenhalt und erhöhen die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit auf kommunaler Ebene.
Lutz Middelberg, Geschäftsführer des Paritätischen NRW, Kreisgruppe Wuppertal, und der PariSozial Wuppertal gGmbH, hebt die Notwendigkeit weiterer sozialpolitischer Diskussionen und Forschung hervor: „Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung zeigen, dass durch Investitionen in die soziale Arbeit – hier am Beispiel der frühkindlichen Bildung – auch aus der ökonomischen Perspektive positive Effekte erzielt werden. Wichtig ist mir, dass auf Grundlage der Befunde sozialpolitische Diskussionen folgen und zu den relevanten gesamtwirtschaftlichen Zusammenhängen und Wirkungen in unterschiedlichen sozialen Feldern weiter geforscht wird.“
Für politische Entscheidungsträger bedeutet dies, bei der Planung öffentlicher Mittel den langfristigen Nutzen sozialer Investitionen stärker zu berücksichtigen. Die Ergebnisse der Studie zeigen am Beispiel des Bergischen Städtedreiecks, wie zentral die Freie Wohlfahrtspflege für eine nachhaltige regionale Entwicklung ist – sowohl als sozialer als auch als wirtschaftlich relevanter Akteur.
Thomas Bartsch, Geschäftsführer der Diakonie Wuppertal gGmbH, fasst die Ergebnisee der Studie zusammen:
„Das Forschungsprojekt der Bergischen Universität übertrifft deutlich unsere Erwartungen hinsichtlich der Aussagen zur konkreten Wirksamkeit sozialer Dienste in Wuppertal. Es wird insbesondere
neben den unbestreitbaren sozialen und wirtschaftlichen Dimensionen des Handelns der Wohlfahrtspflege ein sehr hoher ökonomischer Nutzen der vielfältigen Aktivitäten in der täglichen Begleitung
von Menschen aller Altersstufen in Wuppertal am Beispiel der Arbeit der Kindertagesstätten aufgezeigt. Die mannigfaltigen Dienste der Wohlfahrtspflege sichern nicht nur den sozialen Frieden,
sondern durch die Wohlfahrtspflege werden auch hohe ökonomische Mehrwerte erzielt. Die Studie sollte zur Pflichtlektüre aller politisch engagierten Menschen in Wuppertal gehören.“
Rückblick auf das Jahr 2024:
Das Jahr 2024 ist zunächst positiv gestartet mit dem Haushaltsbeschluss der Stadt
Wuppertal. Dieser sichert der Freien Wohlfahrtspflege eine dauerhafte Dynamisierung
der Zuschüsse entsprechend der Inflation ab dem Haushaltsjahr 2024 zu.
Die AGFW setzt sich schon lange für eine auskömmmliche Finanzierung ihrer Angebote ein und diese
Entscheidung der Stadt Wuppertal ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Hierfür hatte
sich auch der ehemalige Sozialdezernent Herr Dr. Stefan Kühn stark gemacht.
Im Rahmen der Bergischen AGFW wurden im Laufe des Jahres 2024 Gespräche mit den
Mitgliedern des Landtags und den Mitgliedern des Bundestags über die aktuellen
sozialpolitischen Themen geführt. Dabei ging es den Mitgliedern der AGFW darum zu
verdeutlichen, welche gesamtgesellschaftlichen und vor allem auch volkswirtschaftlichen
Folgen eine nicht ausreichende Finanzierung des sozialen Sektors hat.
Im Rahmen der Black Week der Landesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrtspflege haben
sich die Wuppertaler Träger am 13.06.24 mit einer Demonstration vor dem Rathaus
Barmen an den Protesten gegen die dauerhafte Unterfinanzierung der Angebote und für
eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen beteiligt. Die Betreuung in der OGS blieb an
diesem Tag geschlossen und Betreuungskräfte, Kinder und Eltern versammelten sich
gemeinsam vor dem Rathaus Barmen zu einer eindrucksvollen Kundgebung.
Am 13.11.24 haben wir eine Demonstration auf den Düsseldorfer Rheinwiesen gegen
die geplanten Kürzungen im Hauhaltsplanentwurf des Landes NRW mitorganisiert, zu der
über 32.000 Menschen aus ganz NRW kamen und auf der auch die Träger der Wuppertaler
AGFW mit vielen ihrer Mitarbeitenden vertreten waren.
Inzwischen konnte hier zumindest ein Teilerfolg erreicht werden und die ursprünglich geplanten Kürzungen im
Landeshaushalt von 83 Mio. Euro wurden um einen Betrag von 43 Mio. Euro reduziert. So
kann in Wuppertal unter anderem die Arbeit der Aids-Prävention erhalten bleiben.
Ein weiteres Thema, das die Mitglieder der AGFW in diesem Jahr sehr beschäftigt hat, sind
die geplanten Kürzungen im Entwurf des Bundeshaushalts im Bereich der
Beschäftigungsförderungsangebote der Jobcenter. Sollten diese wie geplant zur
Umsetzung kommen, sind deutliche Auswirkungen auf die Stadt Wuppertal zu erwarten.
Die Arbeit der Stadtteilservice, die Pflege der Nordbahntrasse, die Essenausgaben der
Tafel in Barmen und Vohwinkel und die Bahnhofsmission sind nur einige Bereiche, die von
den Kürzungen betroffen sein werden.
Diese Einschnitte werden im Stadtbild zu sehen sein.
Die nun mit den Neuwahlen bestehende Haushaltsunsicherheit stellt die Träger vor
zusätzliche schwierige Aufgaben. Die Arbeitslosenzahlen werden schon im Januar deutlich
nach oben gehen.
Die AGFW hat gemeinsam mit dem Jobcenter, der Wuppertaler Tafel, dem DGB und vielen
Trägern einen Appell des Aktionsbündnisses Sozial im Tal unterstützt, um die geplanten
Einschnitte abzuwenden.
Zum Ende des Jahres haben die Mitglieder der AGFW sich zum Austausch mit den
Wuppertaler Ratsfraktionen getroffen. Thema der Gespräche waren unter anderem die
angespannte Haushaltslage der Stadt und der Umgang mit den erwarteten Kürzungen, die
auch die Kommune vor weitere finanzielle Herausforderungen stellen.
Ausblick auf das Jahr 2025:
Die haushaltspolitischen Entwicklungen auf Landes- und Bundesebene stellen die
Mitglieder der AGFW vor große Aufgaben und es zeichnet sich ab, dass nicht alle
Angebote für die Menschen in Wuppertal in der jetzigen Form aufrechterhalten werden
können.
Das Jahr 2024 hat gezeigt, dass Proteste und Demonstrationen Wirkung zeigen und
Gespräche mit den Verantwortlichen der Politik den Blick auf die Bedeutung der Angebote
der Freien Wohlfahrtspflege lenken.
Nun gilt es auch die wirtschaftliche Bedeutung der Angebote stärker ins Bewusstsein der Politik zu bringen.
Die Sozialverbände sind als Arbeitgeber*innen wirtschaftlich bedeutsame Unternehmen, aber sie tragen auch
wesentlich zu volkswirtschaftlichem Wachstum bei.
Es ist zu erwarten, dass die angespannte Haushaltslage der Stadt Wuppertal die
Handlungsspielräume der Stadt beeinflussen wird. Hier gilt es für die Kommune weiter zu
zeigen, welchen Wert ihr die sozialen Angebote der Träger haben.
Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (AGFW)
Vorsitzender der AGFW im Jahr 2025: Herr Dr. Wolfgang Kues (Vorstand Caritasverband Wuppertal / Solingen)
Koordinatorin der AGFW: Dr. Aletta Thoma
c/o Caritasverband Wuppertal / Solingen e.V.
Kolpingstraße 13
42103 Wuppertal
aletta.thoma@agfw-wuppertal.de
0176/ 169 744 87